Sofia Koutakidi

Aus- und Weiterbildungsprogramm

für junge Übersetzer der neugriechischen Literatur

“Wir investieren, hoffen - warten ab.”

Thanassis Valtinos

Autor, Athener Akademiemitglied

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Informationen zum Programm, den Lebensläufen der Übersetzer sowie einer Auswahl ihrer Übersetzungen finden Sie hier.

Das Programm:

stellt eine Initiative dar. Es steht unter der Ägide der Athener Akademie und wird von den Stiftungen Kostas und Eleni Ourani und Petros Charis gefördert.

Für die Förderung und Verbreitung der griechischen Literatur im Ausland sind ausgebildete Übersetzer von großer Bedeutung. Zum erfolgreichen Weg eines übersetzten Werks tragen viele Faktoren bei, der wichtigste jedoch ist die Qualität einer Übersetzung. Die Initiative setzt bei der Notwendigkeit an, ein umfassendes Ausbildungsprogramm für literarische Übersetzung aus dem Neugriechischen anzubieten und hat dabei folgende Ziele im Auge:

die Aus- und Weiterbildung junger Übersetzer der neugriechischen Literatur in die Weltsprachen

die Schaffung einer neuen Generation von „Botschaftern“ der neugriechischen Literatur und Kultur im Allgemeinen, vergleichbar mit bemerkenswerten Übersetzern und Gräzisten der Vergangenheit.

die Vergabe von bis zu sieben Stipendien jährlich an ausgewählte junge Übersetzer, um vor Ort in Griechenland ihre Sprachkenntnisse zu verbessern, erforderliche Übersetzungskompetenzen zu erwerben und sich intensiv mit der neugriechischen Literatur auseinandersetzen zu können.

(Einzelheiten finden Sie unter: www.greektranslatorprogramme.gr)



Language German
Translations (1)

Wettrasen

von Achilleas Kyriakidis

Gott vollbrachte für ihn ein geheimes Wunder:

das Blei der Deutschen würde ihn töten

zur bestimmten Stunde,

aber in seinem Geist würde zwischen dem Befehl zum Feuern

und der Ausführung des Befehls

ein ganzes Jahr vergehen.

Jorge Luis Borges, „Das geheime Wunder“

Gelb – ich sehe ’s von Weitem und geh’ runter vom Gas, schalte in den Leerlauf und lasse den Wagen langsam ausrollen, bis ich in dem Moment, als die Ampel in aller Strenge rot entflammt, ganz anhalte. Der Tag ist regnerisch und ruhig. Aus dem Radio spritzt Barockmusik, irgendwas zwischen Corelli und Torelli: der ideale Soundtrack für angeborene Schwindelgefühle. Mein Körper, als ahne er was, wehrt sich mit seiner ganzen verbliebenen Kraft. Eine leichte Nackensteife und ein Stechen im Kreuz – der Alterskurzschluss sprüht Funken; zugleich erinnert mich ein Sodbrennen an ein Nahrungserlebnis von gestern. Ich dehne mich, in der Hoffnung, so viele Symptome wie möglich vertreiben zu können, und kehre wieder in meine Ausgangshaltung zurück, in diese lächerliche Stellung des gehorsamen Wagenlenkers, der sich ganz auf einen rot leuchtenden Kreis konzentriert.

Natürlich hätte ich genauso gut durchfahren können; den Fünften drin lassen, bis zum Anschlag, meinem Motor eine Gelegenheit geben, seine ganze Leistung auszuschöpfen, wie ein Profi an den Fahrzeugen und Flüchen vorbeigleiten, die, rechts vom grünen Sturm hergetrieben, auf mich träfen, und am Ende meine Augen davor schließen, was mich in einer kommenden Lebenswende ohnehin erwartet.

Vor mir läuft ein Fußgänger über den Zebrastreifen. Neben mir höre ich einen Vierzylinder dröhnen. Langsam drehe ich meinen Kopf nach rechts: jung, Sonnenbrille auf der Stirn, am Lenker Hände, die zum Rhythmus ohrenbetäubender Technik 2 trommeln, schaut er mich an, als sagte er: siehst du mich?, ich kann diese Bestie mit dem abgesägten Auspuff nicht zähmen, ich kann diese Bestie mit dem abgesägten Auspuff in mir nicht zähmen, sie will ausbrechen, erobern und das Leben zerstören, dasselbe Leben, das du mit braven Geschwindigkeiten aufgebraucht hast, vernünftig, mit eingezogenem Kopf, und jetzt wägst du innerlich ab, ob es sich lohnt aufzuholen, sich zu messen, es allein mit meiner ganzen Zukunft aufzunehmen.

Ich schaue wieder nach vorn. Und plötzlich – als wolle mein Kopf sich unbedingt von allem befreien, was sich in so vielen Jahren angesammelt hat, Erinnerungen verströmen und eine Flut von Sehnsüchten, Gefühlen, Ideen, die nie verwirklicht wurden – ein verfrühter Grabraub.

Ihre Hand, die sie im Halbschlaf bewegt. Stimmen, gar nicht ideal. Die Sonne. Das Kind. Ein Wort, wo losgerissen? Mutters Hand mit dem Ehering. Das wahre Abbild: Der Monitor, der mir mein Inneres zeigt. Das Piepgeräusch. Pachelbels Kanon, mein Lieblingslied von Theodorakis. Das Tor von ’91. Der Rohbau gegenüber. Die harte Anklagebank. Das erstickte Nein. Der blinde Dichter in Rethymno. Das Blutrot der Tomate. Das Kind. Der Krankenhausflur mit der defekten Lampe. Der Arzt, der sich drüberbeugt und untersucht. Der Arzt, der sich drüberbeugt und redet. Die nie unternommene Reise. Ein Satz, den ein anderer schrieb. Jene Filmaufnahme aus „Nostalghia“. Die vorletzten Atemzüge des Barons Scarpia. Ihr Lächeln in Kamari. Die Nacht im Rythmistiko-Krankenhaus. „Der Süden“ von Borges, kurz bevor man die Tür verriegelte. Die Ghikas-Retrospektive. Das Kind. Der Arzt der sich drüberbeugt.

Der Typ im Auto neben mir, dieser Messala, fordert mich mit einem weiteren Aufbrüllen schon wieder heraus, während ich mir weder sicher bin, ob ich mich auf dieses Rennen einlassen will, noch weiß, ob ich beim lautlosen Startsignal Gas geben und mich in diese glänzende, asphaltierte Geradlinigkeit stürzen will, ohne Rücksicht auf Ampeln, Schilder, Lichter, Appelle, Kinderbitten, drübergebeugte Ärzte, Röntgenpersonal, wer weiß, vielleicht ist es halb so wild, Papa, ras nicht so, wirst sehen, dass es halb so wild ist, ein Schatten war zu sehen, ein Schatten bedeutet gar nichts, ihr Schatten bedeutete aber alles, alles, ihr Schatten, als die Sonne unterging auf ihrem heiligen Körper, wie ein S im Sand, ich weiß noch nicht, ob ich diesen plötzlichen Ausbruch der Zukunft will, der es kaum erwarten kann, oder wäre es vielleicht 3 sinnvoller, wenn ich ihn dort allein kreischend vorstürmen ließe, ihm den Gegner, die Quintessenz seines Triumphs, vorenthielte, seine Arroganz mit Verachtung zerträte, ihm das Duell zu einer Patience verschandelte.

Irgendwann, bald, wird Gott, irgendein Gott, mir sagen, was ich tun soll.

Grün. –

 

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